BERGBAUMUSEUM KLAGENFURT


 

BARBARA – LEGENDE

Deutsche Übersetzung des griechischen Textes des Codex Vaticanos 866 aus dem 11. Jahrhundert

In jener Zeit, als Maximian Kaiser und Markian Statthalter waren, lebte ein sehr reicher Landpfleger namens Dioskoros, der Heide war und Götzenbilder verehrte. Dieser hatte eine einzige Tochter namens Barbara. Er baute für sie einen hohen Turm und schloss sie dort ein, so dass sie von den Menschen nicht gesehen wurde. Wegen ihrer außergewöhnlichen Schönheit hielten aber einige vornehme Männer bei ihrem Vater um ihre Hand an, und so stieg er hinauf in den Turm und beriet sich mit ihr: "Einige vornehme Männer baten mich um deine Hand. Was denkst du darüber?" Sie aber blickte ihn erbost an und sagte: "Zwinge mich nicht dazu, Vater!" So verließ er sie, und als er wieder unten war, hielt er sich im Bad auf, das neben dem Turm errichtet wurde. Er stellte nämlich eine große Zahl von Handwerkern an, damit es schnell fertiggestellt werde. Er gab Anordnung, wie es werden müsse und zahlte jedem seinen Lohn voll aus, dann verreiste er für längere Zeit in ein weit entferntes Land.

Barbara, die Dienerin Gottes, stieg vom Turm herab, um das fertige Werk zu begutachten. Als sie in Richtung Süden nur zwei Fenster sah, fragte sie die Handwerker: "Warum habt ihr zwei Fenster gemacht?" Sie antworteten ihr: "Dein Vater hat es so angeordnet." Da sprach die Märtyrin Christi zu ihnen: "Was ich euch sage, tut ohne Bedenken. Macht mir ein weiteres Fenster dazu!" Sie aber entgegneten ihr: "Herrin, wir fürchten, uns den Unwillen deines Vaters zuzuziehen, und dass wir das nicht ertragen." Barbara, die Dienerin Gottes, sprach zu ihnen: "Was ich euch sage, tut, und ich werde meinen Vater davon überzeugen." Sie gehorchten ihr und machten das zusätzliche Fenster, wie sie es ihnen befohlen hatte. Die untadelige und reine Barbara ging nun im Becken umher und wandte sich nach Osten, so sie dann mit ihrem Finger das ehrwürdige Kreuz auf den Marmor zeichnete. Dieses Abbild des Kreuzes ergreift bis zum heutigen Tag diejenigen, die es sehen. Als sie auch in das Gewölbe hineinging, wo das geweihte Wasser hervorquillt, blieb ein Abdruck ihres ehrwürdigen Fußes zurück. In diesen treten alle zur Erlangung von Gesundheit und Heil. Denn dieses Bad versinnbildlicht den Jordan, in dem Christus, der Herr über alles, das unbefleckte Haupt neigte und die heilige Taufe von Johannes, dem Verkündiger, der sich von Heuschrecken und Honig ernährte, dem Vorläufer und Täufer, empfing. Dieses Bad versinnbildlicht den Teich Siloach, in dem sich der von Geburt an Blinde wusch und sehen konnte, und auch den Schafteich, an dem der Lahme durch das Wort geheilt wurde. Es ist der Brunnen des lebendigen Wassers, um das die Samariterin bat.

Als nun Barbara, das Lamm Christi, durch das heilende Becken hinausging und hinauf in den Turm stieg, da sah sie die Götzenbilder ihres Vaters und empfing den heiligen Geist, den mannigfaltigen, gewandten, durchdringenden, reinen, klaren, unversehrten, alles beobachtenden, das Gute liebenden, scharfsinnigen, das Gute bewirkenden, festen, starken und unbekümmerten Geist. Es durchströmte sie nämlich wahrhaftig die Kraft Gottes und der Abglanz der Glorie des Allherrschers.

Als die wahre Märtyrin Christi, die nun vom Glauben geleitet war, durch den sie den Teufel besiegte, die stummen Götzenbilder sah, spie sie in ihr Angesicht und sprach: "Die, die euch geschaffen haben, und all die, die auf euch vertrauen, sollen euch gleich werden!" Und als sie oben im Turm war, betete sie zu Gott. Als der Bau vollendet und ausgestattet war, kehrte auch ihr Vater wieder von der Reise zurück, und da er sah, dass drei Fenster gemacht worden waren, fragte er die Handwerker: "Warum habt ihr drei Fenster gemacht?" Sie antworteten ihm: "Deine Tochter hat es so angeordnet." Er rief seine Tochter zu sich und sprach zu ihr: "Mein Kind, du hast den Auftrag gegeben, drei Fenster zu machen?" Sie antwortete ihm: "Ja, und ich habe gut daran getan. Denn drei erleuchten jeden Menschen, zwei aber bedeuten Finsternis für die Gottlosen." Ihr Vater stieg mit ihr in das Becken und fragte sie: "Warum erleuchten drei mehr als zwei?" Die hl. Barbara antwortete: "Es sind nämlich Vater, Sohn und heiliger Geist." Da wurde ihr Vater von Zorn erfüllt und ergriff sein Schwert, um sie zu töten.

Die hl. Barbara aber betete, und es spaltete sich der Fels, nahm sie auf und gab sie auf einem Berg wieder frei. Dort waren zwei Hirten, die Schafe auf diesem Berg weideten. Diese sahen sie fliehen. Als der Vater heraufkam, fragte er sie nach ihr. Der eine, der sie retten wollte, verneinte mit einem Schwur, der andere aber deutete mit dem Finger in ihre Richtung. Die hl. Barbara verfluchte diesen Hirten, und auf der Stelle wurden seine Schafe zu Käfern, und so verharren sie bei deren ehrwürdigem Grab bis auf den heutigen Tag. Als ihr Vater die hl. Barbara gefunden hatte, schlug er sie, zog sie an den Haaren den Berg hinunter, sperrte sie in eine ärmliche Zelle und legte vor das Schloss eine Kette, damit niemand aufmachen könne, und ließ Wächter dort, bis dass er den Statthalter herbeiführte und sie der Marter übergab. Als der Statthalter eintraf, ließ er sie vorführen. Ihr Vater kam mit Gerontios, dem Protokollführer, stieß sie aus dem Verlies, übergab sie dem Statthalter und ließ ihn bei den Göttern schwören, sie unter furchtbaren Martern zu töten.

Da sprach der Statthalter, der auf dem Richterstuhl Platz genommen hatte und ihre Schönheit staunend betrachtete, zu ihr: "Was möchtest du nun, dich retten und den Göttern opfern oder harter Bestrafung unterzogen werden?" Die Märtyrin Christi antwortete: "Ich bin bereit, meinem Herrn Jesus Christus, der Himmel, Erde und Meer und alles, was darin ist, erschaffen hat, zu opfern. Denn über deine Götter spricht der Prophet: "Sie haben einen Mund und können nicht reden. Sie haben Augen und sehen nicht. Sie haben Ohren und können nicht hören, sie haben eine Nase und riechen nicht, sie haben Hände und sie greifen nicht, sie haben Füße und sie gehen nicht, es kommt aus ihrer Kehle kein Laut. Ihnen gleichen, die sie gebildet, und jeder, der auf sie baut." Da befahl der Statthalter von Wut erfüllt, sie zu entkleiden, ihren Körper mit einer Peitsche aus Ochsensehnen schonungslos zu schinden und die ihr zugefügten Wunden mit Tüchern aus Haar abzureiben, sodass ihr ganzer Körper von Blut besudelt war. Er ließ sie ins Gefängnis abführen, um darüber nachzudenken, durch welche Marter er sie töte.

Inmitten der Nacht aber umstrahlte sie ein Licht vom Himmel, und es erschien ihr der Heiland mit den Worten: "Barbara, fasse Mut und sei stark, da im Himmel und auf Erden über dein Martyrium große Freude herrschen wird. Fürchte nicht die Drohungen des grausamen Menschen, denn ich bin bei dir und werde dich von allen Wunden bewahren, die man dir zufügt." Und augenblicklich verschwanden all ihre Wunden. Darauf segnete er sie und stieg in den Himmel empor. Barbara, die Märtyrin Christi, frohlockte und jubelte über die Ermunterung des Herrn. Am Morgen ließ sie der frevlerische Statthalter vorführen, und als er sah, dass die ihr zugefügten Wunden verschwunden waren, sprach er zu ihr: "Sieh' wie die Götter um dich bemüht sind und dich lieben, Barbara, da sie deine Wunden geheilt haben." Barbara, die Märtyrin Christi, entgegnete aber dem Provinzstatthalter: "Deine Götter sind wie du stumm, blind, fühllos und starr. Wie konnten sie meine Wunden heilen, wenn sie nicht imstande sind, sich selbst zu helfen. Der, der meine Wunden geheilt hat, ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, den du nicht siehst, weil dein Herz vom Teufel verhärtet ist."

Da wurde der Statthalter wütend, brüllte wie ein Löwe, ließ ihre Seiten schinden, sie mit Fackeln versengen und mit Hämmern auf ihren Kopf einschlagen. Sie aber blickte zum Himmel empor und sprach: "Christus, der du die Herzen kennst, du weißt, dass ich voll Sehnsucht zu dir kam. Verlass mich jetzt nicht!"

Da sie auch diese Qualen tapfer ertrug, befahl der frevlerische Statthalter, ihre Brüste mit dem Schwert abzuschlagen. Als diese abgeschlagen waren, sprach die Märtyrin Christi den Blick zum Himmel gerichtet: "Wende dein Antlitz nicht von mir ab und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!" Als sie auch diese Verwundung tapfer ertrug, befahl der frevlerische Statthalter, sie nackt durch die gesamte Umgebung zu führen und ihr dabei mit der Peitsche unerträgliche Schläge zuzufügen.

Barbara, die heilige Märtyrin Christi, blickte aber unverwandt zum Himmel und sprach: "Herr und Gott, der du den Himmel mit den Wolken überziehst, sei mir Schutz und Hilfe und bedecke meinen nackten Körper, damit er von den Gottlosen nicht gesehen werde." Als sie dies gesprochen hatte, kam der Herr auf dem Wagen der Cherubime, schickte seinen Engel und ließ sie mit einem weißen Gewand bedecken. Die Soldaten führten sie nun im ganzen Land umher und brachten sie in das Dorf Alasion in der Gegend von Heliopolis zum gottlosen Statthalter. Dieser befahl, dass die unbesiegbare Märtyrin Christi den Tod durch das Schwert erleide. Da übernahm sie ihr von Wut erfüllter Vater vom Statthalter und führte sie auf den Berg. Als die heilige Märtyrin Christi den Berg sah, eilte sie dem vollkommenen Siegespreis entgegen und während sie abgeführt wurde, betete sie: "Ewiger, unsichtbarer, nicht geschaffener Herr Jesus Christus, Krone der Märtyrer, der du den Himmel ausgespannt und die Erde fest gegründet hast, der du die Abgründe geschlossen und das Meer in Schranken gewiesen hast, der du den Regenwolken befohlen hast, auf Böse und Gute zu regnen, der du auf dem Meer umhergingst, ohne deine Füße zu benetzen, der du die stürmischen Winde besänftigt hast - alles nämlich, Herr Jesus Christus, folgt deinem Befehl, da es deine Schöpfung ist - gewähre mir nun Herr diese Bitte: Verleihe deiner Dienerin die Gnade, dass, wer immer deines Namens und des deiner Dienerin gedenkt, auch der Tage meines Martyriums gedenke. Herr, gedenke am Tag des Gerichts nicht ihrer Sünden, sondern sei ihnen gnädig, da du weißt, Herr, dass wir Fleisch sind." Als sie mit "Amen" geendet hatte, da sprach die Stimme des Herrn zu ihr: "Komm, meine siegreiche Märtyrin, finde Ruhe im Haus meines Vaters im Himmel. Worum du gebeten hast, ist dir von mir gewährt." Nach diesen Worten gelangte die Märtyrin Christi an den ihr bestimmten Ort, und so wurde ihr das ehrwürdige Haupt vom Leib getrennt - von ihrem eigenen Vater.

Barbara, die heilige Märtyrin Christi, vollendete ihr Martyrium gemeinsam mit der heiligen Juliana am 4. Dezember. Das Martyrium der beiden fand in gleicher Weise am selben Ort statt.

Als ihr Vater vom Berg herabstieg, fiel Feuer vom Himmel und verbrannte ihn, so dass nicht einmal seine Asche gefunden werden konnte. Valentinos, ein frommer Mann, bat um die ehrwürdigen sterblichen Überreste der beiden Heiligen und bettete sie in Heliopolis in einem heiligen Gebäude zur Ruhe. In diesem werden auch zur Ehre des allherrschenden Gottes Heilungen vollbracht.

Das Martyrium der hl. Barbara fand statt, als Maximian als Kaiser und Markian als Statthalter herrschten. Für uns aber herrscht der Herr, unser Heiland Jesus Christus; durch ihn und mit ihm sei Gott dem Vater die Ehre gemeinsam mit seinem heiligen, reinen und lebensspendenden Geist jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

 


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